face it.

•26. April 2013 • 1 Kommentar

Das Licht in der Kosmetik- und Make-Up Abteilung ist grauenvoll ehrlich und schonungslos. Und die vielen Spiegel, die überall rumhängen werfen die Wahrheit ungeschönt zu einem zurück. Man hat eigentlich keine Wahl. Man muss zu irgendeinem Stand gehen und sich von einer der perfekt gestylten Verkäuferinnen restaurieren lassen. Da meine Füße von der vielen Lauferei eh schmerzen, verweile ich einen Moment bei Bobbi Brown und  lasse meinen Zeigefinger über eine Reihe von Puderdosen gleiten. Eigentlich genau in dem Moment, in dem ich stehenbleibe bin ich schon im Visier. Eine blonde, lächelnde Frau kommt auf mich zu und fragt, ob sie mir etwas zeigen darf. Ich frage, ob diese Foundation pudrig oder cremig ist und zeige auf das Regal vor mir, was (wie alles hier) hübsch und edel dekoriert ist. Sie öffnet eine der Dosen, fängt an zu erklären, hält Blickkontakt und ab da hab ich keine Chance mehr. Ehe ich „no, thank you“ sagen kann, begleitet sie mich zu einem Stuhl,  nimmt mir die Handtasche ab und fängt an, mich abzuschminken. Eigentlich wollte ich ja nur mal gucken und einen Moment ausruhen…und nun sitze ich bei Harrods und lasse mir von einer fremden Frau im Gesicht rumfingern. Ohne Schminke in diesem grellen Licht, fühle ich mich unwohl, aber die Leute hier  wissen damit umzugehen. Eine andere Verkäuferin kommt wie aus dem Nichts dazu und sagt, dass meine Haut gorgeous ist und sie für meine Wimpern töten würde. Okay. Geht runter wie Öl und ich fühle mich besser. Die nette Blonde, holt von hier und da allerlei Kram und kleine Tiegelchen, desinfiziert sich die Hände und fängt an mich zu schminken. Zwischen uns sind nur dürftige 30 cm Platz und da ich das ziemlich komisch finde fange ich an zu reden. „So….you are living in London?“  frage ich und  zupfe mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Blonde Dame lächelt und freut sich offenbar darüber, dass die unangenehme Stille vorbei ist. Es sprudelt mit einem schönen Akzent aus ihr heraus, während sie versucht, meine Augenschatten abzudecken. Sie wohnt in London, kommt aber eigentlich aus Litauen. Ihr Name ist Jurga und sie rollt das R sehr schön. Zwischendurch gibt sie mir einen Handspiegel und zeigt, was sie alles vollbracht hat. Ich staune ein bisschen, denn sie hat es wirklich geschafft mein übermüdetes Touristengesicht wieder frisch aussehen zu lassen. Frisch wie einen Blümchenwiese mit Morgentau.  Nach knapp 15 Minuten bin ich fertig und mein Gesicht wieder flawless, pretty und ich ein paar Minuten später fast pleite. Sie schreibt alle Produkte, die sie benutzt hat auf einen vorgedruckten Zettel  und ich versuche im Kopf einigermaßen schnell durchzurechnen, was das alles kosten würde. Gesichtscreme, Primer, Concealer, Foundation, Puder, Rouge und Lipgloss. Ich entscheide mich für Concealer, Foundation und Lipgloss und lasse 75 Pfund an der Kasse. „It was a pleasure, to do your make-up, lovely!“ sagt Jurga und lächelt mich an.

Bild der Frau

•28. Februar 2013 • Schreibe einen Kommentar

Den Aufzug benutze ich nicht, weil da 4 hustende Menschen drin stehen, die noch elender aussehen als ich. Nein. Kann ich nicht gebrauchen jetzt. Nicht noch mehr Bazillen. Ich schleppe mich also hoch bis in die vierte Etage und biege dann geschmeidig und mit einem Paket Tempo Taschentücher in der Hand um die Ecke. Das Wartezimmer ist so ungefähr so voll wie Jenny Elvers bei ihrem letzten Auftritt im NDR und ich verdrehe die Augen. Ich glaube, dass ich oft die Augen verdrehe.  Es ist Mittwoch, kurz vor 11 und momentan scheint irgendeine Seuche im Umlauf zu sein. Nach einem gescheiterten Versuch zu arbeiten und mit meiner angeschlagenen Stimme und fiebrigem Körpergefühl  gegen das Geschrei von einer 19-Köpfigen Horde Kinder anzkämpfen hab ich mich auf dem Weg in die Stadt zu meiner Ärztin gemacht. Die Arzthelferin an der Anmeldung, die gerade ihre Dauerwelle raus wachsen lässt, zieht eine Fresse als sie mich sieht. Ich verstehe das. Hab diesen beschissenen Job auch mal gemacht und glaube ich habe auch da jedes Mal innerlich genervt gestöhnt, wenn kurz vor Feierabend noch irgendein wehleidiger Patient  reinkam, der schnell behandelt werden wollte, weil er einen Furz quersitzen hatte.  Aber ich finde, dass ich eine angenehme Patientin bin. Ich bin geduldig, freundlich, lasse was für die Kaffeekasse da und hab immer einen flotten Spruch auf Lager.

„Es dauert aber“ sagt Mrs. Minipli, während sie meine Chipkarte einliest. „Dachte ich mir schon. Soll ich noch ne  Runde in die Stadt gehen? Wartezimmer is ja eh voll.“ sage ich und bekomme ein übertriebenes Nicken als  Reaktion.  Sie hat keine Zeit richtig zu antworten, weil das Telefon in einer Tour bimmelt und gerade ein Opa aus dem Labor geschlurft kommt und auch noch was von ihr will. Ich verziehe mich erst mal. Raus hier aus diesen verseuchten Räumlichkeiten.

Kurz zu Douglas, weil das in der Nähe ist. Lande bei Bobbi Brown und ich schaffe es innerhalb von weniger als 5 Minuten mir 3 Artikel auszusuchen, die insgesamt 76 Euro kosten. An der Kasse wird mir wieder bewusst, dass die Art und Menge der Pröbchen, die man geschenkt bekommt von der Summe der gekauften Artikel abhängig ist. Einmal holte ich nur einen etwas günstigeren Lidschatten ….knapp 9 Euro hat der gekostet und ich bekam nur ein müdes Lächeln mit meinem Wechselgeld. Das wars. Heute gestaltet sich das Ganze mit den Pröbchen schon anders. Eine Wimperntusche von Yves Saint Laurent, 3 Parfums und eine Augencreme von Chanel  gegen Falten werden mir ziemlich gönnerhaft in die Tüte gelegt. Klasse. So weit ist es nun schon. Entweder halten mich Fremde für so jung, dass sie mich duzen, obwohl ich fast 29 bin…fragen, ob ich schon Alkohol trinken darf oder sie schenken mir Creme gegen Krähenfüße und Tränensäcke.

Mit meiner verschwenderisch großen Tüte für das bisschen teuren Kleinscheiß trotte ich nach draußen und schaue auf die Uhr. Noch kurz hier und da rein, zwischendurch 25 Mal die Nase putzen… 40 Minuten vorbei und ich gehe wieder zur Praxis zurück. Stecke kurz den Kopf durch die Tür, winke lächelnd und sage, dass ich wieder da bin…dann setze ich mich ins immer noch volle Wartezimmer. Neben mir auf dem freien Stuhl liegt eine „Bild der Frau“ von  Sommer 2012. Auf dem Titelbild unter Anderem folgende Themen:  „Schnelle Hilfe gegen Rückenschmerzen“,  „Ofen-Hits mit Hack“ und  „Heilen mit Hypnose“. Ich verdrehe die Augen.

Murmeln

•12. Januar 2013 • Schreibe einen Kommentar

Ich sitze auf dem Bauteppich und helfen 2 Jungen eine Murmelbahn aufzubauen. Es gab schlimmen Streit, weil beide eine grüne Murmel haben wollte, es aber nur eine grüne Murmel gab. Rot sei eine doofe Mädchenfarbe. Ich habe die Murmeln erstmal beiseite gelegt. Wollte später noch schauen, ob es welche gibt, die alle die gleiche Farbe haben. Dann zupft jemand an meinem Pullover.

Mädchen:  Annika. Ich frage dich was.

Ich: Ja!? Was denn?

Mädchen: Neulich. Als das Gewitter war konnte ich nicht schlafen.

Ich: Ohje. Hattest du Angst?

Mädchen: Ja. Dolle.

Ich: Was wolltest du mich denn fragen?

Mädchen: Nein Nein. Meine Mama kam dann ins Zimmer und wollte den Bauernhof ausmachen. Dann hat sie aber auf den Teddy gedrückt und der hat geblinkt und Musik gespielt.

Ich: Und hat der Teddy irgendwann aufgehört?

Mädchen: Ja. Und dann konnte ich gut schlafen. Wo ist deine Mama?

Ich: Die ist gerade auf der Arbeit.

Mädchen: Heißt deine Mama auch so wie meine?

Ich: Meine Mama heißt Annette.

Mädchen: Meine nicht. Spielst du mit mir Memory?

Ich: Wenn die Murmelbahn fertig ist, kann ich mir dir Memory spielen.

Mädchen: Ich helfe.

Ich: Das ist lieb von dir. Schau mal. Da hinten sind noch ein paar Holzklötze, die wir brauchen.

Mädchen: Die hier?

Ich: Genau die.

Mädchen: Ich will die grüne Murmel haben.

es fährt ein Zug nach Nirgendwo.

•21. Oktober 2012 • 1 Kommentar

„Öffeln verbindet“ steht auf dem Plakat und mich strahlen fröhliche Menschen an, die offenbar unbeschreiblich dankbar dafür sind, die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Dortmund nutzen zu dürfen. Ich frage mich wer sich diese bescheuerte Wortneuschöpfung ausgedacht hat. Ein Team von Werbefachleuten und Marketingexperten sitzen bis spät in die Nacht in einem Konferenzraum und brüten über der Frage, wie man die Nutzung von Bus und Bahn für die Leute attraktiver machen kann.  Ich finde das bescheuert. Wenn ich meinen Mülleimer von innen mit Blattgold auskleide, bleibt es trotzdem ein Mülleimer.
Ich verdrehe die Augen und steige in die U-Bahn ein. Öffeln verbindet also. Momentan verbindet sich nur der Schweißgeruch meines Sitznachbarn mit meiner Nase…aber ich versuche positiv zu bleiben. Gegenüber von mir sitzt ein Fettsack in einem verwaschenen Nightwish T-Shirt und starrt mich an. An den Tagen, an denen sich mein Selbstbewusstsein im unteren Drittel bewegt, würde ich unsicher werden und mit meinem Taschenspiegel kontrollieren, ob ich irgendwas außergewöhnliches im Gesicht hab. An den normalen Tagen, würde ich ihn angrinsen und an den Tagen, an  denen ich auf Krawall gebürstet bin, würde ich ihn einfach fragen, warum er so dumm glotzt. Heute bewege ich mich zwischen letzterem und dem Wunsch, ihm hemmungslos in sein dickes Gesicht zu spucken…aber ich bleibe entspannt, denn  ich kann aussteigen. Raus aus dieser rollenden Ansammlung von Abartigkeiten.
Bei Kamps am Hauptbahnhof reihe ich mich in die Schlange, von wartenden Leuten ein. Während ich stehe, warte und genervt bin, lasse ich meinen Blick über die Theke schweifen und bleibe bei einem Typen hängen, der die Brötchen schmiert. Seine Brustbehaarung stellt die von Tom Selleck um Längen in den Schatten und dessen scheint er sich auch bewusst zu sein, denn sein Hemd ist bis zur Mitte des Oberkörpers aufgeknöpft. Der schwarze Pelz erstreckt sich über die Arme bis hin zu den Handrücken und ich verziehe angewidert das Gesicht. Bevor ich mich in die „Haare auf dem Frikadellenbrötchen- Thematik“ reinsteigern kann, drängelt sich irgendeine Tussi in die Schlange. Hat vielleicht gedacht wir warten hier alle Gottes Erleuchtung oder sonst irgendeinen Scheiß.  „Wer bekommt?“ fragt die Verkäuferin. Die Drängeltussi will gerade zur Bestellung ansetzen, holt schon Luft, da bölke ich ein lautes „Einen Schokodonut bitte!“ dazwischen. Nicht mit mir, du blöde Kuh.
Mit Taschen und Backwerk schlängel ich mich im Slalom zwischen den ersten Fußballassis durch, die schon um 10 Uhr morgens eine Flasche Bier am Hals haben.  Hansa am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen und an einem Derby Tag kann man sich sowieso mal richtig die Lichter auspusten und noch widerlicher sein, als an den anderen 6 Tage der Woche. Treppe rauf, nächste Etappe: Deutsche Bahn.
Der Zug ist wie immer rappelvoll und ich bin angekotzt von massenhaft sperrigen Koffern, Trekkingrucksäcken und Kinderwagen, die im Weg rumstehen. Ich setze mich zu 3 älteren Leuten, in der Hoffnung, dass die mir wenigstens nicht auf den Zeiger gehen, weil sie dazu einfach keine Energie mehr haben. Eine Kontrolleurin kommt die Treppen herunter getrampelt und will ihren unentbehrlichen und wichtigen Dienst verrichten. Bleibt mit ihrem dicken Arsch alle 2 Meter irgendwo hängen ich grinse.
Der Zug rumpelt in den Essener Bahnhof ein und die 3 älteren Herrschaften steigen aus. Ein Typ mit MC Donaldstüte setzt sich gegenüber von mir hin, und neben mich ein Mädel. Vielleicht 15 und mit einer . Der Typ stopft den ersten Cheeseburger in sich rein und schmatzt dabei wie ein Igel, der gerade eine Nacktschnecke erbeutet hat. Hab das mal in einer Tierdoku auf Vox gesehen und musste direkt daran denken….allerdings fand ich den Igel noch niedlich. Da ich Essensgeräusche schlecht ertragen kann, krame ich den MP3 Player aus der Tasche. Ich hasse Menschen manchmal. Heute ganz besonders. Ich wünschte, ich könnte alles hässliche um mich herum (ob nun optisch oder akustisch) ausblenden. Wegfiltern irgendwie. Muss an die Simpsonsfolge denken, in der Homer ein erotisches Fotoshooting gewinnt. Er posiert in Unterhose auf dem Bett und die Fotografin klatscht mit den Worten „Ich muss noch schnell die Linse präparieren!“ einen Klumpen Vaseline auf das Objektiv. Meine Simpsons Erinnerung wird von dem Mädel neben mir  unterbrochen. Sie frisst sich die Fingernägel ab und lässt sie neben sich auf den Boden fallen. Vaseline vor meinen Augen wäre jetzt nicht schlecht.

unhappy Hour

•7. Oktober 2012 • 1 Kommentar

Der Kakao mit Baileys, der Campari, der Amaretto, das Astra Rotlicht und die 4 Vodka Lemon wollen raus. Ich wollte es eigentlich vermeiden hier aufs Klo zu gehen aber der Wille meiner Blase bezwingt meinen Willen, die Toiletten im Spirit eigentlich nicht aufsuchen zu wollen.

Ich trete die erste Tür auf, um die Klinke nicht anfassen zu müssen. Kein Klopapier da und die Klobrille und der Boden drumherum komplett vollgepisst. Ich verrichte mein Geschäft auf fremden Toiletten auch immer in Abfahrtshocke….aber ich treffe wenigstens in das 40cm große Loch, ohne mich dabei großartig konzentrieren zu müssen. Ich verdrehe die Augen und gehe weiter zu Nummer 2. Sehe schon aus der Entfernung Bremsspuren und beschließe weiterzugehen. Die Nummer 3 ist besetzt, Nummer 4 frei aber auch wieder ohne Klopapier. Vollgepisst nur ein kleines bisschen. Lässt sich verschmerzen. Tür lässt sich zwar nicht abschließen…aber ist okay. Auf Nummer 3 höre ich plötzlich angestrengtes stöhnen und es fängt an zu stinken. Wer kackt hier bitte? Ich beeile mich, weil ich aus dieser Vorhölle verschwinden will und stoße in der Hektik mit meiner Jeans an die versiffte Klobrille. Ich fluche laut und stürze wie auf der Flucht vor irgendwas nach draußen. (Mein Fläschchen Sagrotan Handwaschgel lässt mich zumindest für einen kurzen Moment nicht ekelig fühlen.) Mit leerer Blase gehe ich wieder nach oben und bestelle mir noch was zu trinken. Die Leute hier kotzen mich heute Abend alle irgendwie. Hässliche, fette, stinkende, pöbelnde und asoziale Gestalten. Ich spüre, wie meine Laune immer schlechter wird trotte wieder zu Jessy, die noch neben einer der Boxen steht. Wir schauen uns an und verdrehen beide die Augen. Im Rock Cafe hatten wir mehr Spaß irgendwie. Da war auch die Musik besser….denn heute Abend spielt Mimi wieder nur Scheiße. Das ist sowieso ein zweischneidiges Schwert hier. Ich habe schon Nächte durchgetanzt, bis der Laden zugemacht hat. Heute ist aber wieder so eine Nacht, wo man direkt beim reinkommen merkt, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Nur ein paar sturzbetrunkene Gestalten auf der Tanzfläche, die Luftgitarre spielen und vor sich hin und um die eigene Achse torkeln. Dann kommt eine von diesen Gestalten auf mich zu und sagt, ich solle mal lächeln. Würde mit einem Lächeln viel hübscher aussehen. Ich ziehe angewidert eine Augenbraue hoch, denn er stinkt nach altem Schweiß und Bier und hat nur einen Schneidezahn. Ich sage, dass ich verdammt nochmal dann lächel, wenn ich lächeln will und trinke mein Glas leer. Ich beschließe dem ganzen hier noch eine letzte Chance zu geben. Wende mich vom Trümmergebiss ab und gehe mit meiner Verzehrkarte zur Theke. Als ich mit Vodka zurückkomme, läuft “Warriors of the World” von Manowar. Die Tanzfläche ist jetzt voll und ich habe endlich Grund zum Lachen.

90 Minuten

•30. September 2012 • Schreibe einen Kommentar

Ich, meine Reisetasche, meine Handtasche und meine Kameratasche stehen auf Gleis 16. Es ist Freitagabend und es ist wie immer brechend voll. Ich habe Musik in den Ohren. „Stinkfist“ von Tool läuft gerade und ich schaue auf die Uhr. 10 Minuten Verspätung. Ich verdrehe die Augen. 10 Minuten und 3 Lieder später fährt der Zug ein. Die Leute drängeln, als ginge es um Leben und Tod und stolpern durch die offenen Türen in die Wagons. Ich bin genervt. Genervt von dem Gedrängel, von der Verspätung, genervt von einem Fingernagel, der mir vorhin eingerissen ist und genervt  von dem Farbfleck auf meiner Hose. Fingermalfarbe. Hatte nach der Arbeit keine Zeit mehr, mich umzuziehen. Klasse. Eigentlich aber eine Bagatelle. Ich versuche, positiv zu denken. Ohne den Einsatz meiner Ellenbogen haben ich dann tatsächlich einen Sitzplatz am Fenster bekommen und schiebe meine Reisetasche ein Stück unter den Vordersitz. Passt nicht. Tasche zu groß, Spalt zu klein. Muss an die Kassierer denken. Meine Tasche ist zu groß, du bist zu eng für mich. Kurzes Grinsen auf dem genervten Gesicht, dann hieve ich die Tasche auf den Sitz neben mir und stopfe stattdessen die Kameratasche unter den Sitz. Die Handtasche behalte ich auf dem Schoß. Braucht man ja. Make Up drin, Kaugummi, Musik, CS Gas und ein Buch, was ich endlich zu Ende lesen will. Ich befürchte, dass es noch voller wird und mache mir Gedanken um meine Reisetasche, die den Sitzplatz neben mir belegt. Die Gepäckablagen über den Sitzreihen sind viel zu klein. Ein Aktentaschen könnte man da hin legen…oder einen Regenschirm. Die Ablagen in S-Bahnen sind dagegen riesig. Ich rege mich innerlich auf. Über diese bescheuerte Logik. Ich habe keinen Nerv darauf, meine 12kg Reisetasche auf den Schoß zu nehmen, weil da jemand seinen Hintern parken will….und unter den Sitz legen geht ja nicht….hat man ja schon ausprobiert. Ich klügele einen Plan aus, der (nachfolgend betrachtet) bis nach Köln funktioniert hat. Wenn der Zug an einem Bahnhof hält, tue ich einfach so, als würde ich schlafen. Die meisten Leute trauen sich nicht, einen anzusprechen und nur einer war dabei, der es tatsächlich gewagt hat an meinem Ärmel zu zupfen. Ich musste mich zusammenreißen, nicht zu grinsen…aber er (oder sie) gab schnell auf und ging weiter. Eigentlich ziemlich unfair…aber heute ertrage ich einfach niemanden neben mir. Niemanden, der an die Fingernägeln knibbelt…niemanden mit einer knisternden Brötchentüte….niemanden, der stinkt wie ein Iltis oder schmatzend Kaugummi kaut. Niemanden, der laut telefoniert und erst recht niemanden, der 150 kg wiegt und mich in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Ich will die alle nicht bei mir haben. Deswegen spiele ich die schlafende Schönheit und komme so relativ entspannt und nicht mehr so genervt nach 1 1/2 Stunden an meinem Ziel an.

Er ist nicht am Gleis. Hat keinen Parkplatz gefunden und steht irgendwo vorm Bahnhof. Muss meinen Kram wieder alleine schleppen. Ich verdrehe die Augen.

Viens avec moi, Olaf.

•28. Juni 2012 • Schreibe einen Kommentar

Was genau mich geweckt hat, weiß ich nicht mehr…aber als ich die Augen aufmache und tief einatme, spüre ich, dass es in der Nacht geregnet hat. Ich drehe mich auf den Rücken und merke wieder, wo ich bin. Kaum wach, schlage ich die Decke zurück und torkel auf wackeligen Beinen zum Fenster. Das Feld neben dem Chateau, die Bäume davor und die Hügel am Horizont sind in dichten Neben gehüllt. Würde man in der Ferne nicht ein Auto vorbeifahren hören, wäre es perfekt. Der nächste Moment ist es dann aber. Das Motorengeräusch wird leiser, verschwindet schließlich und was bleibt ist Stille, Nebel und absolute Schönheit in Vollendung. Ich stehe glücksselig an dem kleinen Dachfenster. Mein Kinn auf die Unterarme gestützt, die Augen vor Müdigkeit noch nicht ganz geöffnet. Die Luft ist feuchtkalt und von einer Reinheit, die mit der Luft in meiner Stadt zu Hause nichts zu tun hat. Nichts hier hat mit meiner Stadt zu Hause zu tun. Ich möchte nach draußen und ziehe mir schnell Jeans, Pullover und Chucks an. Mit meiner Kamera schleiche ich nach unten und versuche vorsichtig zu gehen, weil die Dielen knarren und knacken und ich niemanden wecken will. Olaf und Bernadette liegen auf der Terrasse und schlafen noch. Ich möchte eine Begleitung haben und rufe Olaf mit einem Klopfen auf den Oberschenkel und einem liebevollen „komm mit“ zu mir. Ich und ein riesiger, stinkender, nasser Hund gehen los. Im Rosengarten zwischen den Statuen schleicht die Katze umher und knabbert an Grashalmen. Ich muss lachen, weil Gaston wie alles andere vom Regen klatschnass ist und etwas deppert schaut…und als hätte er mich verstanden (und als wäre er beleidigt), macht er kehrt und verschwindet  in einem Gebüsch. Auf der großen Wiese angekommen sind augenblicklich meine Schuhe bis auf die Socken durchtränkt, weil das Gras so hoch ist. Ist egal, denke ich mir. Ich besinne mich auf die Schönheit des Augenblickes mit nassen Füßen. Olaf trottet neben mir her und wartet dann geduldig, bis ich das Tor zum Weinberg aufgemacht habe. Das Schloss klemmt und ich breche mir beim Versuch es zu öffnen einen Fingernagel ab. Unwichtig. Wir kommen an den Hang, wo die Weinreben im Morgenlicht und in Nebel getaucht stehen. Links und rechts am Rand wachsen bunte Blumen, die mit Tautropfen übersäht sind. Ich nehme den Objektivdeckel von meiner Kamera und mache ein paar Fotos…dabei merke ich aber, dass ich eigentlich gar nicht so wirklich fotografieren will und auch irgendwie keine Ruhe dazu habe. Ich setze mich ins Gras neben Olaf und dann ist sie da: Die Ruhe. Sie lässt mich alles andere vergessen und füllt mich aus. Ganz und gar. Komplett und Lückenlos. Es ist 6.15 Uhr morgens.