face it.

•26. April 2013 • 1 Kommentar

Das Licht in der Kosmetik- und Make-Up Abteilung ist grauenvoll ehrlich und schonungslos. Und die vielen Spiegel, die überall rumhängen werfen die Wahrheit ungeschönt zu einem zurück. Man hat eigentlich keine Wahl. Man muss zu irgendeinem Stand gehen und sich von einer der perfekt gestylten Verkäuferinnen restaurieren lassen. Da meine Füße von der vielen Lauferei eh schmerzen, verweile ich einen Moment bei Bobbi Brown und  lasse meinen Zeigefinger über eine Reihe von Puderdosen gleiten. Eigentlich genau in dem Moment, in dem ich stehenbleibe bin ich schon im Visier. Eine blonde, lächelnde Frau kommt auf mich zu und fragt, ob sie mir etwas zeigen darf. Ich frage, ob diese Foundation pudrig oder cremig ist und zeige auf das Regal vor mir, was (wie alles hier) hübsch und edel dekoriert ist. Sie öffnet eine der Dosen, fängt an zu erklären, hält Blickkontakt und ab da hab ich keine Chance mehr. Ehe ich „no, thank you“ sagen kann, begleitet sie mich zu einem Stuhl,  nimmt mir die Handtasche ab und fängt an, mich abzuschminken. Eigentlich wollte ich ja nur mal gucken und einen Moment ausruhen…und nun sitze ich bei Harrods und lasse mir von einer fremden Frau im Gesicht rumfingern. Ohne Schminke in diesem grellen Licht, fühle ich mich unwohl, aber die Leute hier  wissen damit umzugehen. Eine andere Verkäuferin kommt wie aus dem Nichts dazu und sagt, dass meine Haut gorgeous ist und sie für meine Wimpern töten würde. Okay. Geht runter wie Öl und ich fühle mich besser. Die nette Blonde, holt von hier und da allerlei Kram und kleine Tiegelchen, desinfiziert sich die Hände und fängt an mich zu schminken. Zwischen uns sind nur dürftige 30 cm Platz und da ich das ziemlich komisch finde fange ich an zu reden. „So….you are living in London?“  frage ich und  zupfe mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Blonde Dame lächelt und freut sich offenbar darüber, dass die unangenehme Stille vorbei ist. Es sprudelt mit einem schönen Akzent aus ihr heraus, während sie versucht, meine Augenschatten abzudecken. Sie wohnt in London, kommt aber eigentlich aus Litauen. Ihr Name ist Jurga und sie rollt das R sehr schön. Zwischendurch gibt sie mir einen Handspiegel und zeigt, was sie alles vollbracht hat. Ich staune ein bisschen, denn sie hat es wirklich geschafft mein übermüdetes Touristengesicht wieder frisch aussehen zu lassen. Frisch wie einen Blümchenwiese mit Morgentau.  Nach knapp 15 Minuten bin ich fertig und mein Gesicht wieder flawless, pretty und ich ein paar Minuten später fast pleite. Sie schreibt alle Produkte, die sie benutzt hat auf einen vorgedruckten Zettel  und ich versuche im Kopf einigermaßen schnell durchzurechnen, was das alles kosten würde. Gesichtscreme, Primer, Concealer, Foundation, Puder, Rouge und Lipgloss. Ich entscheide mich für Concealer, Foundation und Lipgloss und lasse 75 Pfund an der Kasse. „It was a pleasure, to do your make-up, lovely!“ sagt Jurga und lächelt mich an.

Bild der Frau

•28. Februar 2013 • Schreibe einen Kommentar

Den Aufzug benutze ich nicht, weil da 4 hustende Menschen drin stehen, die noch elender aussehen als ich. Nein. Kann ich nicht gebrauchen jetzt. Nicht noch mehr Bazillen. Ich schleppe mich also hoch bis in die vierte Etage und biege dann geschmeidig und mit einem Paket Tempo Taschentücher in der Hand um die Ecke. Das Wartezimmer ist so ungefähr so voll wie Jenny Elvers bei ihrem letzten Auftritt im NDR und ich verdrehe die Augen. Ich glaube, dass ich oft die Augen verdrehe…aber egal jetzt.  Ich hatte es erwartet. Es ist Mittwoch, kurz vor 11 und momentan scheint irgendeine Seuche im Umlauf zu sein. Nach einem gescheiterten Versuch zu arbeiten und mit meiner angeschlagenen Stimme und fiebrigem Körpergefühl  gegen das Geschrei von einer 19-Köpfigen Horde Kinder anzubrüllen hab ich mich auf dem Weg in die Stadt zu meiner Ärztin gemacht. Die Arzthelferin an der Anmeldung, die gerade ihre Dauerwelle raus wachsen lässt, zieht eine Fresse als sie mich sieht. Ich verstehe das. Hab diesen beschissenen Job auch mal gemacht und glaube ich habe auch da jedes Mal innerlich genervt gestöhnt, wenn kurz vor Feierabend noch irgendein wehleidiger Patient  reinkam, der schnell behandelt werden wollte, weil er einen Furz quersitzen hatte.  Aber ich finde, dass ich eine angenehme Patientin bin. Ich bin geduldig, freundlich, lasse was für die Kaffeekasse da und hab immer einen flotten Spruch auf Lager.

„Es dauert aber“ sagt Mrs. Minipli, während sie meine Chipkarte einliest. „Dachte ich mir schon. Soll ich noch ne  Runde in die Stadt gehen? Wartezimmer is ja eh voll.“ sage ich und bekomme ein übertriebenes Nicken als  Reaktion.  Sie hat keine Zeit richtig zu antworten, weil das Telefon in einer Tour bimmelt und gerade ein Opa aus dem Labor geschlurft kommt und auch noch was von ihr will. Ich verziehe mich erst mal. Raus hier aus diesen verseuchten Räumlichkeiten.

Kurz zu Douglas, weil das in der Nähe ist. Lande bei Bobbi Brown und ich schaffe es innerhalb von weniger als 5 Minuten mir 3 Artikel auszusuchen, die insgesamt 76 Euro kosten. An der Kasse wird mir wieder bewusst, dass die Art und Menge der Pröbchen, die man geschenkt bekommt von der Summe der gekauften Artikel abhängig ist. Einmal holte ich nur einen etwas günstigeren Lidschatten ….knapp 9 Euro hat der gekostet und ich bekam nur ein müdes Lächeln mit meinem Wechselgeld. Das wars. Heute gestaltet sich das Ganze mit den Pröbchen schon anders. Eine Wimperntusche von Yves Saint Laurent, 3 Parfums und eine Augencreme von Chanel  gegen Falten werden mir ziemlich gönnerhaft in die Tüte gelegt. Klasse. So weit ist es nun schon. Entweder halten mich Fremde für so jung, dass sie mich duzen, obwohl ich fast 29 bin…fragen, ob ich schon Alkohol trinken darf oder sie schenken mir Creme gegen Krähenfüße und Tränensäcke.

Mit meiner verschwenderisch großen Tüte für das bisschen teuren Kleinscheiß trotte ich nach draußen und schaue auf die Uhr. Noch kurz hier und da rein, zwischendurch 25 Mal die Nase putzen… 40 Minuten vorbei und ich gehe wieder zur Praxis zurück. Stecke kurz den Kopf durch die Tür, winke lächelnd und sage, dass ich wieder da bin…dann setze ich mich ins immer noch volle Wartezimmer. Neben mir auf dem freien Stuhl liegt eine „Bild der Frau“ von  Sommer 2012. Auf dem Titelbild unter Anderem folgende Themen:  „Schnelle Hilfe gegen Rückenschmerzen“,  „Ofen-Hits mit Hack“ und  „Heilen mit Hypnose“. Ich verdrehe die Augen.

Murmeln

•12. Januar 2013 • Schreibe einen Kommentar

Ich sitze auf dem Bauteppich und helfen 2 Jungen eine Murmelbahn aufzubauen. Es gab schlimmen Streit, weil beide eine grüne Murmel haben wollte, es aber nur eine grüne Murmel gab. Rot sei eine doofe Mädchenfarbe. Ich habe die Murmeln erstmal beiseite gelegt. Wollte später noch schauen, ob es welche gibt, die alle die gleiche Farbe haben. Dann zupft jemand an meinem Pullover.

Mädchen:  Annika. Ich frage dich was.

Ich: Ja!? Was denn?

Mädchen: Neulich. Als das Gewitter war konnte ich nicht schlafen.

Ich: Ohje. Hattest du Angst?

Mädchen: Ja. Dolle.

Ich: Was wolltest du mich denn fragen?

Mädchen: Nein Nein. Meine Mama kam dann ins Zimmer und wollte den Bauernhof ausmachen. Dann hat sie aber auf den Teddy gedrückt und der hat geblinkt und Musik gespielt.

Ich: Und hat der Teddy irgendwann aufgehört?

Mädchen: Ja. Und dann konnte ich gut schlafen. Wo ist deine Mama?

Ich: Die ist gerade auf der Arbeit.

Mädchen: Heißt deine Mama auch so wie meine?

Ich: Meine Mama heißt Annette.

Mädchen: Meine nicht. Spielst du mit mir Memory?

Ich: Wenn die Murmelbahn fertig ist, kann ich mir dir Memory spielen.

Mädchen: Ich helfe.

Ich: Das ist lieb von dir. Schau mal. Da hinten sind noch ein paar Holzklötze, die wir brauchen.

Mädchen: Die hier?

Ich: Genau die.

Mädchen: Ich will die grüne Murmel haben.

Mädchenkram

•27. Dezember 2012 • Schreibe einen Kommentar

Es ist noch nicht allzu voll in der Innenstadt, weil die Geschäfte gerade erst aufgemacht haben. Ich hab mich versucht zu beeilen, um dem Ansturm von Menschen zu entgehen…denn heute ist einer der Tage, an denen ich Menschenmassen nicht so gut ertragen kann. Vor Weihnachten war es schrecklich voll überall und nach Weihnachten ist es das auch, weil alle Leute ihr Geld ausgeben, was sie zu Weihnachten bekommen haben, ihre Gutscheine einlösen, die sie zu Weihnachten bekommen haben oder den Schrott umtauschen, den sie zu Weihnachten bekommen haben. Ich muss nur noch in die Drogerie und wühle den kleinen Zettel aus meiner Jackentasche. Brotaufstrich, Badezeug, Nagellack, Zahnpasta, Wattepads, Rasierklingen, Handcreme, Körperpeeling, eine Haarkur, Leckerli für die Dickmopskatze, Tee und Wimperntusche.  Bei DM an der Kasse stehe ich also und warte. Die Papierrolle im Drucker für die Kassenbons ist leer und die Kassiererin kämpft damit, sie auszutauschen. Ich verdrehe kurz die Augen und rolle 2 Dosen Senf Rucola Brotaufstrich von mir auf dem Band hin und her. Vor mir in der Schlange steht ein Mädchen.  12, vielleicht 13 Jahre alt. Sie hält eine DM Geschenkkarte in der Hand und hat sich 2 Shampoos, Bodylotion mit Vanilleduft, Haarspangen und Bonbons  ausgesucht. Sie trägt abgewetzte, alte Schuhe, eine viel zu kurze Hose und hat die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Dünn ist sie und so alles in allem sieht man ihr an, dass sie nicht zu den Familien mit sonderlich viel Geld gehört. „Die Farbe ist schön. „ sagt sie und zeigt auf den Nagellack. „Ja.“ Sage ich.  „Ich mag lila auch gern.“ Das Mädchen lächelt und schaut auf ihre Fingernägel. Sie sind ganz kurz und sehen ein bisschen abgeknibbelt aus. Sie ist an der Reihe und gibt ihre Karte bei der Kassiererin ab. Durch Zufall sehe ich, dass sie einen Wert von nur 10 Euro hatte und muss dann kurz ein bisschen traurig schmunzeln. Das Mädchen räumt alle gekauften Sachen ganz bedächtig und vorsichtig in die Tüte ein und schlendert nach draussen. Als ich bezahlt habe und aus dem Laden raus bin, steht sie noch an der Ecke und putzt sich die Nase. Ich gehe auf sie zu und schenke ihr meinen lila Nagellack.

Alle Jahre wieder.

•21. Dezember 2012 • Schreibe einen Kommentar

Ich sitze mit einem Kissen im Rücken an die Wand gelehnt und lese „Guck mal Madita, es schneit“  von Astrid Lindgren vor. Zwischen meinen Beinen liegt eine 3-jährige, die ihren Kopf auf meinen Oberschenkel gelegt hat und schläft. Links und rechts neben mir 2 Jungs, die sich an mich kuscheln. Einer hat einen Stofftiger in der Hand, dem er immer wieder die Ohren umknickt. Alle 18 Kinder sind still…nur ein leises Flüstern oder Husten höre ich ab und an. Das Stimme verstellen beim Lesen fällt mir heute schwer, weil ich die letzten Wochen so oft gesungen habe, wie in meinem ganzen Leben noch nicht. „Die Weihnachtsbäckerei“ kann ich mittlerweile nicht mehr ertragen..aber was solls schon. Ich habe Glitzer und Klebe unter den Fingernägeln und am Pullover vom Basteln und bin Schlitten gefahren. Finde das alles hier wunderbar.
Ansonsten kotzt mich Weihnachten an. Ich habe die Innenstadt soweit ich konnte gemieden dieses Jahr. Huschte ab und an gezwungener weise durch die Gegend und hab versucht meine Sachen schnell zu erledigen, was mir schwergefallen ist, wegen der ganzen Schlenderer, die so tun als wäre das ganze Chaos hier tatsächlich besinnlich und man müsse es auf sich wirken lassen. Verlogen ist das. Das Fest der Liebe? Klar. Alle Leute ziehen ne Fresse zum Reinschlagen und drängeln und rempeln rücksichtslos durch die Gegend mit ihren scheiß sperrigen Tüten. Alle kaufen, kaufen und kaufen wie die Irren. Neulich hab ich noch bei einer Reportage gesehen, dass sich tatsächlich viele Menschen für Weihnachten verschulden. Nehmen Kredite auf für Geschenke und kaufen auf Pump. Ein Reporter geht durch die Stadt und fragt die Leute, was sie für „ihre Lieben“ geholt haben und wem sie was schenken. Ein Typ mit 5 Pfund Gel in den Haaren hat einen Kaffeevollautomaten geholt für schlappe 800 Euro. Stottert er ab. Ich lache über die Frisur und weil ich es dämlich finde, sich wegen Weihnachten in die Gefahr zu begeben, mal bei Peter Zwegat vor der Flipchart zu sitzen mit einer Auflistung seiner finanziellen Fehltritte und falschen Entscheidungen.
Zurück zu Innenstadt. Ich war schnell beim Friseur und hab mich für einen Gutschein  25 Minuten angestellt, was meine Hassader am Hals gefährlich anschwellen lies. Mit dicker Jacke und Schal hier bei 27 Grad Hitze und stickiger Luft zu stehen, ist echt ziemlich geil. Merke, wie ich langsam anfange zu schwitzen und verdrehe die Augen. Ich bin dran. Bezahlen und raus hier. Draußen dann gefühlte 30 Grad weniger und die kalte Luft fühlt sich beim Einatmen an wie 100 kleine Messer, die sich in meine Schleimhäute bohren. Ich bin gerade auf Höhe eines Glühweinstandes und das Gedränge wird wie immer noch schlimmer und die Menschen noch unerträglicher. Verstehe es nicht, wie man sich hier besaufen kann. Okay. Glühwein ansich finde ich schon ekelig…aber wenn man sich mal ansieht, wie da die Tassen „gespült“ werden und dann gleichzeitig bedenkt, an wie vielen spröden, herpesverseuchten Lippen die täglich hängen… geht mir ein Schauer über den Rücken. Ein Kerl mit Hollistertüte eiert an mir vorbei und rempelt mich so doll an, dass ich fast das Gleichgewicht verliere. Ich hab Bock, ihm eine neue Frisur zu brüllen aber ich reisse mich zusammen. Hätte ich das getan, und wären wir in einem Comic, dann würden aus meinem weit aufgerissenem Mund Bröckchen fliegen, über meinem Kopf wären ein Totenkopf und eine Bombe und das Gesicht und die Haare von dem Hollister-Spacken würden nach hinten gedrückt werden, wie in einem Windkanal. Es fängt an zu nieseln und ich ziehe meine Kapuze über den Kopf, welche mein Sichtfeld wenigstens an den Seiten einschränkt. Scheuklappen…voll gut. Mein Magen schmerzt ein wenig, weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe, also lasse ich mich dazu herab, etwas auf dem Weihnachtsmarkt zu holen. Eine überteuerte, gefüllte Kartoffel.
Abends hab ich die Scheißerei. Scheiß Kartoffel. Scheiß Weihnachten.

 

 

little snowflake

•29. November 2012 • 1 Kommentar

„Ich verrate dir ein Geheimnis!“ sagt sie und ich beuge mich automatisch zu ihr herunter, damit sie mir etwas zuflüstern kann.  Sie legt beide Hände wie ein Trichter über mein Ohr und erzählt kaum hörbar, dass sie eine Schneeflocke in ihrem Schuh hat. „Eine Schneeflocke? Eine richtig echte Schneeflocke?“ frage ich.  „Ja. Eine richtig echte. Aber das ist unser Geheimnis. Das wissen nur wir beide. Okay?“  Ich nicke und gebe ihr die Hand drauf.
Später beim Mittagessen sitzen wir nebeneinander. Während ich den Rest Reis auf meinem Teller zusammenkratze tippt sie mich an. „Schau mal hier. Aber das darfst du niemandem sagen!“  Ihren linken rosa Pantoffel hat sie ausgezogen und holt eine winzig kleine silberne Schneeflocke aus Plastik heraus. Etwa so groß wie ein 1-Cent Stück.  „Die bringt mir Glück!“ sagt sie und lächelt dabei.

es fährt ein Zug nach Nirgendwo.

•21. Oktober 2012 • 1 Kommentar

„Öffeln verbindet“ steht auf dem Plakat und mich strahlen fröhliche Menschen an, die offenbar unbeschreiblich dankbar dafür sind, die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Dortmund nutzen zu dürfen. Ich frage mich wer, sich diese bescheuerte Wortneuschöpfung ausgedacht hat. Ein Team von Werbefachleuten und Marketingexperten sitzen bis spät in die Nacht in einem Konferenzraum und brüten über der Frage, wie man die Nutzung von Bus und Bahn für die Leute attraktiver machen kann. Alle rauchen eine Zigarette nach der anderen, stehen immer wieder auf und gehen am Tisch entlang hin und her wie eine Raubkatze im Zoo, knöpfen sich die Hemden auf und lockern die Krawatten. Irgendwann springt einer auf. Heureka!!!  Wir nennen es „öffeln“!  Alle anderen im Raum erstarren einen Moment lang und brechen dann in Jubelgeschrei aus. Ich finde das bescheuert. Wenn ich meinen Mülleimer von innen mit Blattgold auskleide, bleibt es trotzdem ein Mülleimer.
Ich verdrehe die Augen und steige in die U-Bahn ein. Öffeln verbindet also. Momentan verbindet sich nur der Schweißgeruch meines Sitznachbarn mit meiner Nase…aber ich versuche positiv zu bleiben. Gegenüber von mir sitzt ein Fettsack in einem verwaschenen Nightwish T-Shirt und starrt mich an. An den Tagen, an denen sich mein Selbstbewusstsein im unteren Drittel bewegt, würde ich unsicher werden und mit meinem Taschenspiegel kontrollieren, ob ich irgendwas außergewöhnliches im Gesicht hab. An den normalen Tagen, würde ich ihn angrinsen und an den Tagen, an  denen ich auf Krawall gebürstet bin, würde ich ihn einfach fragen, warum er so dumm glotzt. Heute bewege ich mich zwischen letzterem und dem Wunsch, ihm hemmungslos in sein dickes Gesicht zu spucken…aber ich bleibe entspannt, denn  ich kann aussteigen. Raus aus dieser rollenden Ansammlung von Abartigkeiten.
Bei Kamps am Hauptbahnhof reihe ich mich in die Schlange, von wartenden Leuten ein. Während ich stehe, warte und genervt bin, lasse ich meinen Blick über die Theke schweifen und bleibe bei einem Typen hängen, der die Brötchen schmiert. Seine Brustbehaarung stellt die von Tom Selleck um Längen in den Schatten und dessen scheint er sich auch bewusst zu sein, denn sein Hemd ist bis zur Mitte aufgeknöpft. Der schwarze Pelz erstreckt sich über die Arme bis hin zu den Handrücken und ich verziehe angewidert das Gesicht. Bevor ich mich in die „Haare auf dem Frikadellenbrötchen- Thematik“ reinsteigern kann, drängelt sich irgendeine Tussi in die Schlange. Hat vielleicht gedacht wir warten hier alle Gottes Erleuchtung oder sonst irgendeinen Scheiß.  „Wer bekommt?“ fragt die Verkäuferin. Die Drängeltussi will gerade zur Bestellung ansetzen, holt schon Luft, da bölke ich ein lautes „Einen Schokodonut bitte!“ dazwischen. Nicht mit mir, du blöde Kuh.
Mit Taschen und Backwerk schlängel ich mich im Slalom zwischen den ersten Fußballassis durch, die schon um halb 9 morgens eine Flasche Bier am Hals haben.  Hansa am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen und an einem Derby Tag kann man sich sowieso mal richtig die Lichter auspusten und noch widerlicher sein, als an den anderen 6 Tage der Woche. Treppe rauf, nächste Etappe: Deutsche Bahn.
Der Zug ist wie immer rappelvoll und ich bin angekotzt von massenhaft sperrigen Koffern, Trekkingrucksäcken und Kinderwagen, die im Weg rumstehen. Ich setze mich zu 3 älteren Leuten, in der Hoffnung, dass die mir wenigstens nicht auf den Zeiger gehen, weil sie dazu einfach keine Energie mehr haben. Eine Kontrolleurin kommt die Treppen herunter getrampelt und will ihren unentbehrlichen und wichtigen Dienst verrichten. Bleibt mit ihrem dicken Arsch alle 2 Meter irgendwo hängen ich grinse. Bei mir angekommen, fange ich sofort an zu scannen. Solariumbräune erster Güte, schlecht blondiertes Haar und Acrylnägel mit Strasssteinen an den Wurstfingern. Das Make Up sieht aus, als wäre es mit einem Spatel aufgetragen und ich muss wieder grinsen. Stelle mir vor, wie sie morgens vorm Spiegel steht und sich geil findet. Sie befeuchtet einen Finger, berührt sich an der Schulter und gibt einen Zischlaut von sich.
Der Zug rumpelt in den Essener Bahnhof ein und die 3 älteren Herrschaften steigen aus. Ein Typ mit MC Donaldstüte setzt sich gegenüber von mir hin, und neben mich ein Mädel. Vielleicht 15 und mit Primarkschrottausbeute. Der Typ stopft den ersten Cheeseburger in sich rein und schmatzt dabei wie ein Igel, der gerade eine Nacktschnecke erbeutet hat. Hab das mal in einer Tierdoku auf Vox gesehen und musste direkt daran denken….allerdings fand ich den Igel noch niedlich. Da ich Essensgeräusche schlecht ertragen kann, krame ich den MP3 Player aus der Tasche. Ich hasse Menschen manchmal. Heute ganz besonders. Ich wünschte, ich könnte alles hässliche um mich herum (ob nun optisch oder akustisch) ausblenden. Wegfiltern irgendwie. Muss an die Simpsonsfolge denken, in der Homer ein erotisches Fotoshooting gewinnt. Er posiert in Unterhose auf dem Bett und die Fotografin klatscht mit den Worten „Ich muss noch schnell die Linse präparieren!“ einen Klumpen Vaseline auf das Objektiv. Meine Simpsons Erinnerung wird von dem Mädel neben mir  unterbrochen. Sie frisst sich die Fingernägel ab und lässt sie neben sich auf den Boden fallen. Vaseline vor meinen Augen wäre jetzt nicht schlecht.