90 Minuten

Ich, meine Reisetasche, meine Handtasche und meine Kameratasche stehen auf Gleis 16. Es ist Freitagabend und es ist wie immer brechend voll. Ich habe Musik in den Ohren. „Stinkfist“ von Tool läuft gerade und ich schaue auf die Uhr. 10 Minuten Verspätung. Ich verdrehe die Augen. 10 Minuten und 3 Lieder später fährt der Zug ein. Die Leute drängeln, als ginge es um Leben und Tod und stolpern durch die offenen Türen in die Wagons. Ich bin genervt. Genervt von dem Gedrängel, von der Verspätung, genervt von einem Fingernagel, der mir vorhin eingerissen ist und genervt  von dem Farbfleck auf meiner Hose. Fingermalfarbe. Hatte nach der Arbeit keine Zeit mehr, mich umzuziehen. Klasse. Eigentlich aber eine Bagatelle. Ich versuche, positiv zu denken. Ohne den Einsatz meiner Ellenbogen haben ich dann tatsächlich einen Sitzplatz am Fenster bekommen und schiebe meine Reisetasche ein Stück unter den Vordersitz. Passt nicht. Tasche zu groß, Spalt zu klein. Muss an die Kassierer denken. Meine Tasche ist zu groß, du bist zu eng für mich. Kurzes Grinsen auf dem genervten Gesicht, dann hieve ich die Tasche auf den Sitz neben mir und stopfe stattdessen die Kameratasche unter den Sitz. Die Handtasche behalte ich auf dem Schoß. Braucht man ja. Make Up drin, Kaugummi, Musik, CS Gas und ein Buch, was ich endlich zu Ende lesen will. Ich befürchte, dass es noch voller wird und mache mir Gedanken um meine Reisetasche, die den Sitzplatz neben mir belegt. Die Gepäckablagen über den Sitzreihen sind viel zu klein. Ein Aktentaschen könnte man da hin legen…oder einen Regenschirm. Die Ablagen in S-Bahnen sind dagegen riesig. Ich rege mich innerlich auf. Über diese bescheuerte Logik. Ich habe keinen Nerv darauf, meine 12kg Reisetasche auf den Schoß zu nehmen, weil da jemand seinen Hintern parken will….und unter den Sitz legen geht ja nicht….hat man ja schon ausprobiert. Ich klügele einen Plan aus, der (nachfolgend betrachtet) bis nach Köln funktioniert hat. Wenn der Zug an einem Bahnhof hält, tue ich einfach so, als würde ich schlafen. Die meisten Leute trauen sich nicht, einen anzusprechen und nur einer war dabei, der es tatsächlich gewagt hat an meinem Ärmel zu zupfen. Ich musste mich zusammenreißen, nicht zu grinsen…aber er (oder sie) gab schnell auf und ging weiter. Eigentlich ziemlich unfair…aber heute ertrage ich einfach niemanden neben mir. Niemanden, der an die Fingernägeln knibbelt…niemanden mit einer knisternden Brötchentüte….niemanden, der stinkt wie ein Iltis oder schmatzend Kaugummi kaut. Niemanden, der laut telefoniert und erst recht niemanden, der 150 kg wiegt und mich in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Ich will die alle nicht bei mir haben. Deswegen spiele ich die schlafende Schönheit und komme so relativ entspannt und nicht mehr so genervt nach 1 1/2 Stunden an meinem Ziel an.

Er ist nicht am Gleis. Hat keinen Parkplatz gefunden und steht irgendwo vorm Bahnhof. Muss meinen Kram wieder alleine schleppen. Ich verdrehe die Augen.

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~ von lovehatewrite - 30. September 2012.

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