es fährt ein Zug nach Nirgendwo.

„Öffeln verbindet“ steht auf dem Plakat und mich strahlen fröhliche Menschen an, die offenbar unbeschreiblich dankbar dafür sind, die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Dortmund nutzen zu dürfen. Ich frage mich wer sich diese bescheuerte Wortneuschöpfung ausgedacht hat. Ein Team von Werbefachleuten und Marketingexperten sitzen bis spät in die Nacht in einem Konferenzraum und brüten über der Frage, wie man die Nutzung von Bus und Bahn für die Leute attraktiver machen kann.  Ich finde das bescheuert. Wenn ich meinen Mülleimer von innen mit Blattgold auskleide, bleibt es trotzdem ein Mülleimer.
Ich verdrehe die Augen und steige in die U-Bahn ein. Öffeln verbindet also. Momentan verbindet sich nur der Schweißgeruch meines Sitznachbarn mit meiner Nase…aber ich versuche positiv zu bleiben. Gegenüber von mir sitzt ein Fettsack in einem verwaschenen Nightwish T-Shirt und starrt mich an. An den Tagen, an denen sich mein Selbstbewusstsein im unteren Drittel bewegt, würde ich unsicher werden und mit meinem Taschenspiegel kontrollieren, ob ich irgendwas außergewöhnliches im Gesicht hab. An den normalen Tagen, würde ich ihn angrinsen und an den Tagen, an  denen ich auf Krawall gebürstet bin, würde ich ihn einfach fragen, warum er so dumm glotzt. Heute bewege ich mich zwischen letzterem und dem Wunsch, ihm hemmungslos in sein dickes Gesicht zu spucken…aber ich bleibe entspannt, denn  ich kann aussteigen. Raus aus dieser rollenden Ansammlung von Abartigkeiten.
Bei Kamps am Hauptbahnhof reihe ich mich in die Schlange, von wartenden Leuten ein. Während ich stehe, warte und genervt bin, lasse ich meinen Blick über die Theke schweifen und bleibe bei einem Typen hängen, der die Brötchen schmiert. Seine Brustbehaarung stellt die von Tom Selleck um Längen in den Schatten und dessen scheint er sich auch bewusst zu sein, denn sein Hemd ist bis zur Mitte des Oberkörpers aufgeknöpft. Der schwarze Pelz erstreckt sich über die Arme bis hin zu den Handrücken und ich verziehe angewidert das Gesicht. Bevor ich mich in die „Haare auf dem Frikadellenbrötchen- Thematik“ reinsteigern kann, drängelt sich irgendeine Tussi in die Schlange. Hat vielleicht gedacht wir warten hier alle Gottes Erleuchtung oder sonst irgendeinen Scheiß.  „Wer bekommt?“ fragt die Verkäuferin. Die Drängeltussi will gerade zur Bestellung ansetzen, holt schon Luft, da bölke ich ein lautes „Einen Schokodonut bitte!“ dazwischen. Nicht mit mir, du blöde Kuh.
Mit Taschen und Backwerk schlängel ich mich im Slalom zwischen den ersten Fußballassis durch, die schon um 10 Uhr morgens eine Flasche Bier am Hals haben.  Hansa am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen und an einem Derby Tag kann man sich sowieso mal richtig die Lichter auspusten und noch widerlicher sein, als an den anderen 6 Tage der Woche. Treppe rauf, nächste Etappe: Deutsche Bahn.
Der Zug ist wie immer rappelvoll und ich bin angekotzt von massenhaft sperrigen Koffern, Trekkingrucksäcken und Kinderwagen, die im Weg rumstehen. Ich setze mich zu 3 älteren Leuten, in der Hoffnung, dass die mir wenigstens nicht auf den Zeiger gehen, weil sie dazu einfach keine Energie mehr haben. Eine Kontrolleurin kommt die Treppen herunter getrampelt und will ihren unentbehrlichen und wichtigen Dienst verrichten. Bleibt mit ihrem dicken Arsch alle 2 Meter irgendwo hängen ich grinse.
Der Zug rumpelt in den Essener Bahnhof ein und die 3 älteren Herrschaften steigen aus. Ein Typ mit MC Donaldstüte setzt sich gegenüber von mir hin, und neben mich ein Mädel. Vielleicht 15 und mit einer . Der Typ stopft den ersten Cheeseburger in sich rein und schmatzt dabei wie ein Igel, der gerade eine Nacktschnecke erbeutet hat. Hab das mal in einer Tierdoku auf Vox gesehen und musste direkt daran denken….allerdings fand ich den Igel noch niedlich. Da ich Essensgeräusche schlecht ertragen kann, krame ich den MP3 Player aus der Tasche. Ich hasse Menschen manchmal. Heute ganz besonders. Ich wünschte, ich könnte alles hässliche um mich herum (ob nun optisch oder akustisch) ausblenden. Wegfiltern irgendwie. Muss an die Simpsonsfolge denken, in der Homer ein erotisches Fotoshooting gewinnt. Er posiert in Unterhose auf dem Bett und die Fotografin klatscht mit den Worten „Ich muss noch schnell die Linse präparieren!“ einen Klumpen Vaseline auf das Objektiv. Meine Simpsons Erinnerung wird von dem Mädel neben mir  unterbrochen. Sie frisst sich die Fingernägel ab und lässt sie neben sich auf den Boden fallen. Vaseline vor meinen Augen wäre jetzt nicht schlecht.

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~ von lovehatewrite - 21. Oktober 2012.

Eine Antwort to “es fährt ein Zug nach Nirgendwo.”

  1. Das mit dem „öffeln“ habe ich immer genau so (!) im Kopf, wie du es sagst. 😀

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