Bild der Frau

Den Aufzug benutze ich nicht, weil da 4 hustende Menschen drin stehen, die noch elender aussehen als ich. Nein. Kann ich nicht gebrauchen jetzt. Nicht noch mehr Bazillen. Ich schleppe mich also hoch bis in die vierte Etage und biege dann geschmeidig und mit einem Paket Tempo Taschentücher in der Hand um die Ecke. Das Wartezimmer ist so ungefähr so voll wie Jenny Elvers bei ihrem letzten Auftritt im NDR und ich verdrehe die Augen. Ich glaube, dass ich oft die Augen verdrehe.  Es ist Mittwoch, kurz vor 11 und momentan scheint irgendeine Seuche im Umlauf zu sein. Nach einem gescheiterten Versuch zu arbeiten und mit meiner angeschlagenen Stimme und fiebrigem Körpergefühl  gegen das Geschrei von einer 19-Köpfigen Horde Kinder anzkämpfen hab ich mich auf dem Weg in die Stadt zu meiner Ärztin gemacht. Die Arzthelferin an der Anmeldung, die gerade ihre Dauerwelle raus wachsen lässt, zieht eine Fresse als sie mich sieht. Ich verstehe das. Hab diesen beschissenen Job auch mal gemacht und glaube ich habe auch da jedes Mal innerlich genervt gestöhnt, wenn kurz vor Feierabend noch irgendein wehleidiger Patient  reinkam, der schnell behandelt werden wollte, weil er einen Furz quersitzen hatte.  Aber ich finde, dass ich eine angenehme Patientin bin. Ich bin geduldig, freundlich, lasse was für die Kaffeekasse da und hab immer einen flotten Spruch auf Lager.

„Es dauert aber“ sagt Mrs. Minipli, während sie meine Chipkarte einliest. „Dachte ich mir schon. Soll ich noch ne  Runde in die Stadt gehen? Wartezimmer is ja eh voll.“ sage ich und bekomme ein übertriebenes Nicken als  Reaktion.  Sie hat keine Zeit richtig zu antworten, weil das Telefon in einer Tour bimmelt und gerade ein Opa aus dem Labor geschlurft kommt und auch noch was von ihr will. Ich verziehe mich erst mal. Raus hier aus diesen verseuchten Räumlichkeiten.

Kurz zu Douglas, weil das in der Nähe ist. Lande bei Bobbi Brown und ich schaffe es innerhalb von weniger als 5 Minuten mir 3 Artikel auszusuchen, die insgesamt 76 Euro kosten. An der Kasse wird mir wieder bewusst, dass die Art und Menge der Pröbchen, die man geschenkt bekommt von der Summe der gekauften Artikel abhängig ist. Einmal holte ich nur einen etwas günstigeren Lidschatten ….knapp 9 Euro hat der gekostet und ich bekam nur ein müdes Lächeln mit meinem Wechselgeld. Das wars. Heute gestaltet sich das Ganze mit den Pröbchen schon anders. Eine Wimperntusche von Yves Saint Laurent, 3 Parfums und eine Augencreme von Chanel  gegen Falten werden mir ziemlich gönnerhaft in die Tüte gelegt. Klasse. So weit ist es nun schon. Entweder halten mich Fremde für so jung, dass sie mich duzen, obwohl ich fast 29 bin…fragen, ob ich schon Alkohol trinken darf oder sie schenken mir Creme gegen Krähenfüße und Tränensäcke.

Mit meiner verschwenderisch großen Tüte für das bisschen teuren Kleinscheiß trotte ich nach draußen und schaue auf die Uhr. Noch kurz hier und da rein, zwischendurch 25 Mal die Nase putzen… 40 Minuten vorbei und ich gehe wieder zur Praxis zurück. Stecke kurz den Kopf durch die Tür, winke lächelnd und sage, dass ich wieder da bin…dann setze ich mich ins immer noch volle Wartezimmer. Neben mir auf dem freien Stuhl liegt eine „Bild der Frau“ von  Sommer 2012. Auf dem Titelbild unter Anderem folgende Themen:  „Schnelle Hilfe gegen Rückenschmerzen“,  „Ofen-Hits mit Hack“ und  „Heilen mit Hypnose“. Ich verdrehe die Augen.

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~ von lovehatewrite - 28. Februar 2013.

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